Zeitung lesender Mann, 12.2.1926 „In dem Jahrzehnt zwischen 1920 und 1930 hatte ich keine fruchtbare Zeit der Malerei. Ich lebte unstet hier und da, bald in meinem Haus in Murnau, bald in Pensionszimmern, bald als Gast bei Freunden und Verwandten. Jahrelang hatte ich kein Atelier. Da war das Skizzenbuch mein Freund, und die Zeichnungen der Niederschlag meiner Augenerlebnisse. Gerade damals waren die Menschen das, was mich am meisten interessierte. In Konzerten, bei Tisch, auf der Eisenbahn habe ich sie beobachtet und meistens heimlich gezeichnet. […] Die Skizzen waren, wenn sie in glücklicher Stunde entsprangen, auf Anhieb vollendet. Sie enthielten, was ich auszusagen hatte, und brauchten nichts weiter, um Bild zu sein.“ Ein solch skizzenhaftes Bild, wie es Gabriele Münter in dem eben gehörten Zitat beschrieben hat, ist der „Zeitung lesende Mann“ von 1926. Wie viele andere Zeichnungen aus den 1920er Jahren gibt auch sie erst bei genauerer Betrachtung eine innere Haltung oder Stimmung wieder. Mit übereinander geschlagenen Beinen sitzt ein Mann leicht schräg in einem breiten Sessel, auf die Armlehnen gestützt, in die Zeitungslektüre vertieft. Die Zeitung verdeckt seinen Körper weitgehend, auch sein Gesicht ist erst ab der Nase aufwärts zu sehen. Der konzentrierte Blick durch die Brillengläser scheint auf das Gelesene fokussiert. Mit knapp umschreibenden Linien ohne Binnenzeichnung oder Schattierungen umreißt Münter diese Beobachtung, oder das "Augenerlebnis", wie sie es nennt. Die unterbrochene Linie deutet mehr an als sie wirklich zeigt, die Kunst des Weglassens erlaubt Münter gerade in ihren Zeichnungen gekonnt, das Wesentliche zu erfassen und es auf wenige Zeichen zu reduzieren. 1952 schreibt Münter darüber: „Ist doch die Zeichnung an sich schon deutliche Verwandlung der Wirklichkeit. Sie hebt das Wesentliche freier aus der Masse der Eindrücke ab und stellt es schärfer hin, kurz sie ist abstrakter in der Aussage.“ So wie sich der Mann hinter der Zeitung von seiner Umgebung zurückgezogen hat, so bleibt seine Körperlichkeit hier innerhalb der geschlossenen Umrisslinie gefangen und verschließt sich dem Blick von Außen. Feinfühlig erfasst Münter diese Situation und verleiht ihr mit der ihr eigenen Schalkhaftigkeit durch eine fast unmerkliche Pointierung Ausdruck.