Eine junge Frau, dunkel gekleidet und aufrecht sitzend, beugt sich mit geneigtem Kopf über das Strickzeug in ihren Händen und scheint leicht in sich hinein zu lächeln. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich auf einen Kinderstrumpf, dessen heller Garn der Farbe des luftigen Tuches entspricht, das um ihre Schultern gewunden ist. Erst bei der Restaurierung des Gemäldes 2010 wurde die kleine Katze mit den weißen Pfoten wieder sichtbar, die sich in ihrem Schoß räkelt. Im Dreiviertelprofil porträtiert Marianne von Werefkin hier Vera Repin, die Frau ihres damaligen Lehrers Ilja Repin. Sie sitzt vor einem grau gestalteten Hintergrund, der das sanfte Schlaglicht spiegelt, das auch die junge Frau anstrahlt. 1880 wurde die talentierte, damals 20 Jahre alte Marianne von Werefkin Privatschülerin von Ilja Repin, einem bedeutenden Vertreter des russischen Realismus. Es ist anzunehmen, dass der berühmte Lehrer sie bei diesem Bild, das 1881 entstanden ist, noch unterstützte. Zwei Jahre später schrieb sich Marianne von Werefkin in Moskau in die „Lehranstalt für Malerei, Bildhauerei und Architektur“ ein. Ilja Repin, war ein Mitglied der aufklärerischen russischen Malgruppe „Peredwischniki“ – auf Deutsch: „Wanderer“. Deren Bestreben war es, mit ihren Werken auf sozial schwache Bevölkerungsgruppen und deren oft schwierige Lebensverhältnisse aufmerksam zu machen. Ein Anliegen, dem sich auch Marianne von Werefkin verpflichtet fühlte. Zeitlebens war es ihr ein Bedürfnis „hinter die Kulissen“ zu schauen, in die Seelen der Menschen. So ist es ihr auch schon bei diesem frühen Porträt gelungen, die Ruhe und Ausgeglichenheit der Szene an den Betrachter weiter zu geben. In dieser ersten, künstlerisch wichtigen Werkphase Werefkins in der Zeit vor 1890 hatte sich die junge Malerin in der realistischen Malerei des Zarenreiches bereits einen Namen gemacht – als weiblicher „Russischer Rembrandt“.