122 - Nikolaus Lang, Wildwasserfahrt des versinterten Bussards, 1974-79

Nikolaus Lang, Wildwasserfahrt des versinterten Bussards, 1974-79

122 - Nikolaus Lang, Wildwasserfahrt des versinterten Bussards, 1974-79

Nikolaus Lang (1941–2022) lebte seit 2005 in Murnau. Er zählte zu den Konzept-Künstlern, die der „Spurensicherung“ zugerechnet werden. Das Werk „Versinterter Bussard“ war 1993, im Jahr der Eröffnung des Museums angekauft worden. Eine Ausstellung im Hamburger Kunstverein 1974 gab der Kunst von Didier Bay, Christian Boltanski, Jürgen Brodwolf, Claudio Costa, Anne und Patrick Poirier, Nikolaus Lang und weiteren Vertretern einer neuen Position ihren Namen: Spurensicherung. „[…] das ist das Festhalten von Zeichen, aus denen auf den Täter geschlossen werden kann, das ist das Festhalten von Zeichen, aus denen auf eine vergangene, nicht eindeutig dokumentierte Wirklichkeit geschlossen werden kann, vorausgesetzt, es wird mit systematischen Methoden gearbeitet“, so die Einleitung von Uwe Schneede, damaliger Leiter des Hamburger Kunstvereins, zur berühmt gewordenen Ausstellung. Der Fachbegriff aus der Forensik geht auf das Locard’sche Prinzip zurück, benannt nach Edmond Locard (1877–1966), das davon ausgeht, dass bei der Berührung zweier Objekte wechselseitig Spuren hinterlassen werden, die sichergestellt, analysiert und dokumentiert werden können, und deren Auswertung Rückschlüsse auf Handlungsabläufe und Entwicklungsprozesse zulassen. Dieser Technik bedienen sich nicht nur Forensiker, sondern auch Geisteswissenschaftler wie Archäologen und Ethnologen und eben die der Spurensicherung zuzuordnenden Künstler wie Nikolaus Lang. Lang, ein Pionier der Spurensicherung, arbeitete noch ganz im Sinne dieser ersten Definition. Er ließ sich auf ein Thema oder eine Begebenheit ein, machte sich analog der frühen Expeditionen auf die Fährte, sammelte Bruchstücke vergangener Lebenslinien, ordnete und systematisierte das Vorgefundene und setzte es neu zueinander in Beziehung. Sein großes Thema war die Natur und das Schicksal von Randgruppen, Außenseitern und Einzelgängern. Aus Nikolaus Langs Aufzeichnung „Bussardrevier – Flugbilder“ zum 2. Juli 1979: „Celia setzte mich mit dem Auto am ehemaligen Müllplatz ab. Ich schob das Rindenboot mit dem aufgesteckten, versinterten Bussard unter den Stacheldrahtzaun hindurch und stieg damit zum Geröllbett der Halbammer hinunter. Das ganze Trockenflussbett war mit vom letzten Hochwasser entwurzelten Fichten und Erlen übersät. Mit dem Taschenmesser schnitt ich aus den freigewachsenen Wurzelstöcken feine Wurzelstränge, drehte zwei Reifen daraus und deponierte sie im Rindenboot. Ich vermied es, auf die Holzarbeiter zu stoßen, die im Flussbett die angeschwemmten Fichten entasteten und entrindeten und drückte mich seitlich des Flusses durch Erlenbrüche hindurch, das Boot auf dem Kopf tragend, an ihnen vorbei. Wo der Fluss große Mergelpakete und Steinbänder freigelegt hatte, legte ich das Rindenboot ins Wasser und ließ es, an einer langen Leine haltend, vom reißenden Wildwasser mittragen. An der senkrechten Felswand, an der ich vor 4 Jahren eine aufgezeichnete Zielfigur mit Schneebällen beworfen hatte, zog ich das Boot in einen ruhigen Seitenarm und entzündete im Boot auf einem eingeklemmten Blechstück ein kleines Reisigfeuer, das ich mit Harzklumpen schürte. Ich unterbrach das Schwimmenlassen des Rindenbootes immer an Aufschlüssen, von welchen ich wusste, dass sie pflanzliche oder tierische Fossilreste führen, sammelte ein Fundstück ein und häufte es unter dem Bussard in der Bootswanne auf. Bei den Mergelwänden schlug das Boot voll Wasser und ging unter, es wurde unter Wasser ein Stück mitgerissen, ehe es sich zwischen Steinbrocken verklemmte und ich es, bis zur Hüfte im reißenden Wasser stehend, herausziehen konnte. Die abgetriebenen Fichtenwurzelstreifen fischte ich wieder beim Viadukt aus dem Wasser, dabei bemerkte ich einen Soldaten im Kampfanzug, weinrotem Barett und geschwärztem Gesicht, der mich mit dem Fernglas von oben herab schon eine ganze Weile beobachtet haben musste.“