021 - Gabriele Münter, Mädchen am Fenster, 1934

Gabriele Münter, Mädchen am Fenster, 1934

021 - Gabriele Münter, Mädchen am Fenster, 1934

Schauplatz des Bildes ist wieder das Münterhaus mit seinem Blick auf Murnau. Der Ort erstrahlt hier im Fensterausschnitt in so hellem Sonnenlicht, dass die malend davor sitzende Figur fast nur schemenhaft zu erkennen ist. Von der Seite gezeigt, beugt sie sich konzentriert über einen Malgrund auf ihren Knien. Sie hält ihn mit der Linken, während die Rechte mit dem Pinsel Farbe aufträgt. Beide Hände werden vom einfallenden Licht einseitig angestrahlt. Sie sind nicht ganz stimmig mit dem Körper verbunden und wirken überraschend massig, was durch eine dunkle und eine helle Kontur des sichtbaren Arms noch betont wird. Auch Kopf und Körper dieser verschatteten Figur erscheinen im Kontrast zu den kleinteilig-eckigen Formen der hell erleuchteten Häuser merkwürdig rund und gedrungen. Die stilistische, fast schematische Reduzierung der Körperformen weist deutliche Einflüsse der „Neuen Sachlichkeit“ auf. Die Aufsplitterung der neben- und aneinander gestaffelten Häuserdächer erinnert an kubistische Kompositionen. Dargestellt ist Gerta Burckhardt. Nach Gabriele Münters endgültiger Rückkehr in ihr Haus 1931 wurde die 19-jährige als sogenannte „Haustochter“ angestellt. Sie half nicht nur im Haushalt, sondern kümmerte sich auch um Münters Mal- und Zeichenutensilien, besprach mit ihr sogar Motive und Techniken und malte zuweilen auch selbst, wie dieses Bild belegt. Gerta Burckhardt stand mit Gabriele Münter bis zu deren Tod 1962 in einem ständigen Briefwechsel. Aus diesen Briefen weiß man, dass sie 1938 geholfen hat, eine große Anzahl von Kandinskys Werken sicher zu verpacken, um sie in einem verborgenen feuersicheren Keller des Münter-Hauses vor Kriegsschäden und vor der Beschlagname der Nazis zu schützen. Es handelte sich um einen Teil der Kunstsammlung Kandinskys, die er bei seiner überstürzten Abreise bei Ausbruch des ersten Weltkrieges zurückgelassen hatte. Nach der Trennung hatte Münter diese Werke von ihm als Wiedergutmachung für das nicht eingelöste Eheversprechen erstritten. Trotz zeitweise bitterer Geldknappheit hat sie diese wertvolle Sammlung auch nach Ende des 2. Weltkrieges jahrelang im so genannten "Millionenkeller" ihres Hauses belassen. Erst 1957 hat sie sie der Stadt München in Form einer Stiftung geschenkt. Dass Gerta Burckhardt einmal Mitwisserin eines solch großen Geheimnisses werden würde, lässt sich angesichts der kräftigen und doch kindlichen Figur des "Mädchens am Fenster" nicht erahnen.