Mit ihrer Rückkehr nach Murnau 1931 beginnt für Münter eine neue produktive Phase. Es entstehen Gemälde von starker Farbkraft, die an die Zeit des „Blauen Reiter“ anknüpfen. In dem Kunsthistoriker Johannes Eichner hat die Malerin einen neuen Lebensgefährten gefunden, der fürsorglich-ordnend, aber auch sehr bestimmend in ihr Leben eingreift. Er ermutigt sie zum Malen und gibt ihr, wie sie selbst sagt, eine „Anleitung zum Kommerziell-Zweckdienlichen“. In der von ihm verfassten Paarbiografie über Kandinsky und Münter beschrieb Eichner seine eigene Rolle folgendermaßen: „Er war sogleich von der Persönlichkeit Münters gefesselt, von ihrem Schicksal ergriffen, von ihrer Einsamkeit gerührt. Er wuchs in das Verständnis ihrer Kunst hinein, ersetzte ihr das Publikum, war ihr Kritiker, betreute ihre Ausstellungen, nahm ihre wirtschaftlichen Mittel in die Hand und führte ihr Leben in geordnete Bahnen.“ Auch in dem Bild „Nebelsonne am See“ zeigt sich der Einfluss Eichners: Eingefasst durch zwei mächtige, teilweise schon herbstlich gefärbte Bäume stellt Münter den abendlichen Ausblick über Wiesen und den bei Murnau gelegenen Staffelsee dar – begrenzt durch hintereinander geschichtete blauschwarze Hügel-, Berg- und Wolkenketten. Leicht aus der Mitte gerückt, hängt über der Bergkette die rot-orange gefärbte Sonne. Unterbrochen von Nebelschwaden, legt sich ihr Widerschein als roter Streifen über den See. Trotz der recht markanten Konturlinien der Bäume und Berge setzt Münter hier nicht klar abgegrenzte Farbflächen kontrastreich nebeneinander, wie in ihrer frühen, expressionistischen Phase, sondern arbeitet die Farbvariationen sehr viel feiner aus. So entsteht ein malerisches Stimmungsbild, in dem zwischen den Blau-, Grün-, und Brauntönen der markante rote Farbakzent genauso wenig fehlt wie das dekorativ in den Vordergrund gesetzte Pferd. Malte Münter bisher fast durchgehend offene Vordergründe, in denen Linien angeschnitten werden und sich gabelnde Wege offen auf den Betrachter zulaufen, so wählt sie hier die gefälligere Lösung einer Staffage-Figur im Vordergrund und der den Bildausschnitt rahmenden Bäume. Das Seemotiv kam den kommerziellen Vorstellungen Eichners soweit entgegen, dass es in der Folge in mehreren Versionen verkauft werden konnte. Das gleiche Motiv wurde sogar 30 Jahre später noch einmal neu bestellt. Der Künstlerin war jedoch bewusst, dass sie damit Zugeständnisse machte, die sich weit von ihren Ansprüchen entfernten: „Ich male das helle, so beliebte Seemotiv, quasi Kunstgewerbe, das ist das Motiv, das ich hie und da in Nützliches umsetzen kann.“ notierte Gabriele Münter im Oktober 1934.