Die Ortsgruppe des Reichsbanners Murnau, das zur sozialdemokratischen Arbeiterbewegung gehört, beantragt beim Gemeinderat 1926 eine Fahne in den Farben der Republik. Die Lokalzeitung berichtet über die Gemeinderatssitzung: „Eine lebhafte Debatte brachte der Antrag der Reichsbannervereinigung, Ortsgruppe Murnau, auf Anschaffung einer Flagge in den Reichsfarben schwarz-rot-gold. Die Mehrzahl der Redner sprach sich gegen diesen Antrag aus und will die Hereintragung von Politik in die Gemeinderatssitzungen vermieden wissen. Murnau soll bei den bayerischen Fahnen bleiben. Der Antrag wird mit 10 gegen 2 Stimmen abgelehnt.“ Die Nationalsozialisten sprengen schon seit den frühen 1920er Jahren brutal Versammlungen der politischen Gegner. 1931 ist eine Rede des Vorsitzenden der SPD-Landtagsfraktion und Redakteurs der sozialdemokratischen Zeitung Münchener Post Erhard Auer in Murnau im Gasthof Kirchmeir angekündigt. Ein NSDAP-Angehöriger verschafft sich im Postamt Weilheim Zugang zu einem Telegramm, das an die Sozialdemokratische Partei gerichtet ist. Somit sind die Nationalsozialisten schon im Vorfeld gut über die geplante Veranstaltung informiert. In Murnau ist es Tage vorher Ortsgespräch, dass es „schiach“ zugehen soll. Am 2. Februar 1931 provoziert der Murnauer NSDAP-Ortsgruppen- und Bezirksleiter Otto Engelbrecht nach der Rede von Erhard Auer die Murnauer Saalschlacht. Bei der Schlägerei zwischen den SPD- und Reichsbannerangehörigen einerseits und NSDAP und SA-Angehörigen andererseits werden zahlreiche Personen verletzt. Der Schaden in der Gastwirtschaft Kirchmeir beträgt rund 3000,- RM. Anwesend ist auch der Schriftsteller Ödön von Horváth, der beim nachfolgenden Prozess vor dem Amtsgericht Weilheim als Zeuge aussagt. Bis auf den Postangehörigen, der als NSDAP-Mitglied den Inhalt des SPD-Telegramms an die NSDAP Murnau verraten hat, werden in den Verhandlungen zunächst vor dem Amtsgericht Weilheim, dann in der Revision vor dem Landgericht München II alle Angeklagten, darunter NSDAP-, aber auch Reichsbannerangehörige, freigesprochen. Der jüdische Rechtsanwalt Max Hirschberg vertritt Angeklagte von SPD und Reichsbanner. In seinen Memoiren erinnert er sich, wie er in Weilheim Beteiligte an der Murnauer Saalschlacht zu verteidigen hatte: „Die SA drang regelmäßig in die Versammlungen der SPD und anderer demokratischer Parteien ein, ausgerüstet mit Schlagringen, Stuhlbeinen und ähnlichen Waffen der ‚unbewaffneten’ Organisation und suchte die Versammlungen mit Gewalt zu sprengen. Wenn sich das Reichsbanner schlagkräftig zur Wehr setzte, wurden die Reichsbannerleute allein oder mit den SA-Leuten unter Strafanklage gestellt, obwohl sie offensichtlich in Notwehr waren. Diese Landfriedensbruch-Prozesse waren meist eine schreckliche Geduldsprobe für den Verteidiger. Tagelang wurden 20 und mehr Angeklagte und dann 40 oder 50 Zeugen über denselben Vorgang vernommen, obwohl doch die Rekonstruktion eines Handgemenges offensichtlich unmöglich ist, da jeder Einzelne natürlich seine Kameraden verteidigte und die Einzelheiten der Schlägerei überhaupt nicht mehr objektiv festgestellt werden konnten.“