151 - Das bayerische Oberland

Das bayerische Oberland

151 - Das bayerische Oberland

„Die ganze Landschaft wird dunkler, die Luft wird seltsam schwerelos und unnatürlich hell im Widerschein der beschneiten Höhen, und die Dunkelheit hängt dicht über der Erde… Wer das bayrische Hochland und die Vorgebirge durchwandert, spürt bald, hier ist die andere Welt einer fremdartigen Religion. Es ist eine fremdartige Landschaft, entlegen, für sich. Vielleicht ist sie noch die der vergessenen kaiserlichen Heerzüge.“ So schwärmt der britische Schriftsteller D.H. Lawrence 1912 auf seiner Reise nach Italien. Zusammen mit seiner späteren Ehefrau Frieda von Richthofen wandert er von Icking bei Wolfratshausen aus zu Fuß über die Alpen an den Gardasee. „Die alte Kaiserstraße nach Italien führt von München durch die Gebirge Tirols über Innsbruck und Bozen bis Verona. Die Kaiser zogen mit großem Gefolge auf dieser Straße südwärts oder aus dem sonnigen Italien heim in ihre eigenen deutschen Lande. […] In unseren Tagen zieht keine kaiserliche Heerfolge mehr durchs Gebirge nach dem Süden. Das ist vergessen; kaum einer, der die alte Straße noch kennt. Aber noch ist sie da, und ihre Wahrzeichen blieben. Die Kruzifixe säumen sie noch, und sie sind keine beliebige Zutat, sie gehören immer noch zu ihr.“ Ebenso beeindruckt wie von ihrer Frömmigkeit zeigt sich der Schriftsteller von der „eigenartigen lichten Schönheit“ der Bewohner des Oberlandes. Ihre Prozessionen und Glaubensfeste findet er „feierlich und atemberaubend“. Wesentlich nüchterner beschreibt ein paar Jahrzehnte früher der Münchner Jurist und Schriftsteller Ludwig Steub das bayerische Hochland, nämlich als Randgebiet historischer Ereignisse: „Zwischen der Burg zu Schwangau und der Feste zu Hohensalzburg hat sich weiland viel weniger ereignet, als am deutschen Rheinstrom zwischen dem kaiserlichen Speyer und dem heiligen Köln. Es ist weder zu Tölz noch zu Miesbach, weder zu Traunstein noch zu Garmisch je etwas Großes, Weltbewegendes vor sich gegangen. Man weiß von keiner Entscheidungsschlacht, keinem Friedensschlusse, die hier eine Stelle gefunden. […] Diese Gauen am Saume der rhätischen Alpen marschieren zwar immerdar in gleichem Schritt und Tritt mit den Geschicken des Herzogtums zu Bayern, aber doch nur im zweiten Glied, in einem gewissen Stillleben und ohne viel Redens von sich zu machen, denn die wittelsbachische Geschichte hat sich von jeher mehr abwärts, von München nach Landshut gegen Ingolstadt und Straubing zu ihr Theater gesucht. […] Ich glaube übrigens, daß das kluge Volk des Gebirges niemals gewünscht hat, von den oft sehr fühlbaren Fußtritten der ernsten Clio häufiger behelligt zu werden, nur um in der bayerischen Geschichte eine sehenswerthe Rolle zu spielen... “ Während sich im 19. Jahrhundert die wichtigen Ereignisse abseits des Oberlandes zutrugen, sollte sich dies bald ändern. Vorhang auf für die Rolle Murnaus in der deutschen Geschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts!