Es ist Gabriele Münters Mal-Sommer schlechthin: Mitte 1908 kommt sie zum ersten Mal nach Murnau. Der Aufenthalt hier löst bei ihr eine enorme Schaffensphase aus. Es entstehen zahlreiche Landschaftsbilder. Unter anderem auch die erste Öl-Studie zu dem Bildmotiv „Gelbes Haus mit Apfelbaum“. In dieser experimentellen Serie fängt Münter ihr Motiv naturalistisch mit großzügigem Pinselstrich ein. Das hier gezeigte Bild von 1910 markiert das Resultat der Serie und zugleich den Höhepunkt von Münters malerischer Entwicklung: Die Künstlerin verzichtet in der Darstellung auf jede Einzelheit. Die farbigen Flächen sind klar definiert, umfasst von schwarzen Umrisslinien. Das hat Münter unter anderem von der regionalen Hinterglasmalerei übernommen. Die Farben sind gedämpft und auf wenige Farben mit hoher Kontrastwirkung reduziert. Das würfelförmige Haus nimmt das Gelb des einstigen Nachbarhauses an. Die damals noch vorhandenen Begleitgebäude sind auf dem Bild hingegen ganz verschwunden. Übrig sind lediglich die beiden Bäume, die Weggabelung und das Haus. Der fingerförmige Baum links im Bild ist expressiv vereinfacht dargestellt. Die üppigen Früchte des Apfelbaums vor dem Haus leuchten rot in der Sonne. Und in den violetten Reflexen auf dem Weg zum Haus und in dessen dunkelgelber Fassade scheint der Spätsommer zu glühen. Das freistehende Haus auf dem Bild ist übrigens bis heute erhalten. Es steht an der „Hagener Leite“ neben der sogenannten „Lindenburg“, nördlich vom Murnauer Schloss. Münter hat das Motiv mehrfach gemalt – immer wieder ein wenig anders. Gerade das, Wiederholung und Variation, ist ein wesentliches Element ihres Schaffen. Auf diese Art entwickelt Münter bereits gemalte Motive weiter. Somit steht gerade das „Gelbe Haus mit Apfelbaum“ Pate für ihre künstlerische Entwicklung.