155 - Tourismusort Murnau nach dem Ersten Weltkrieg

Tourismusort Murnau nach dem Ersten Weltkrieg

155 - Tourismusort Murnau nach dem Ersten Weltkrieg

Nach dem Ersten Weltkrieg werden Touristen als Konkurrenten um die knappen Lebensmittel gesehen. Die bayerische Regierung unter Gustav von Kahr gängelt Reisende mit Vorschriften, Verordnungen und Strafandrohungen. Der deutsche Journalist und Schriftsteller Kurt Tucholsky, der 1890 geboren wurde und sich 1935 im Exil das Leben nahm, ruft 1921 dazu auf, nicht mehr nach Bayern zu reisen. „Reisende, meidet Bayern!“. „Wer nicht einen nationalen Bierbauch bayerischer Provenienz hat, ist ein Fremder.“ […] „Warum fahrt ihr hin? Um euch belästigen zu lassen? […] Fahrt nicht mehr nach Bayern, wenn man euch schikaniert! Boykottiert es. Und wenn ihr schon eine längere Reise macht, dann fahrt nach Italien.“ Auch Adolf Hitler mischt sich in einer Rede im April 1922 in die Diskussion um den Fremdenverkehr ein.Er behauptet, dieser würde von jüdischen Touristen beherrscht. In perfider Weise werden die angeblich reichen Juden gegen die angeblich armen nichtjüdischen Bergwanderer ausgespielt. „Der Jude ist nicht ärmer geworden. Er bläht sich allmählich auf, und wenn Sie das nicht glauben, ich bitte Sie, sehen Sie in unsere Kurorte, da finden Sie heute zwei Kategorien von Menschen. Den Deutschen, der hingeht, um nach langer Zeit vielleicht zum ersten Male wieder etwas frische Luft zu schöpfen und sich zu erholen, und den Juden, der hingeht, sein Fett zu verlieren. […] Und gehen Sie hinaus in unser Gebirge, wen finden Sie da in funkelnagelneuen, gelben prachtvollen Stiefeln mit schönen Rucksäcken, in denen sich wahrhaftig meistens doch nichts Richtiges befindet? Und zu was auch? Sie gehen ja doch oben in das Hotel, meist bis dorthin, wo die Bahn hingeht, und wo die Bahn aufhört, da hören auch sie auf. Da in einem Kilometer Umkreis wie die Schmeißfliegen um einen Kadaver. […] Das sind wahrhaftig nicht unsere ‚arbeitenden‛ Klassen, weder die geistigen noch die körperlichen. Die finden Sie meist mit zerschlissenen Anzügen seitwärts herumkraxeln. Schon aus dem Grunde weil sie sich genieren müssen, mit ihrem Gewande von anno 1913 oder 1914 in diese parfümgedünstete Atmosphäre überhaupt hineinzukommen.[…]. “ „..Es wäre sinnlos, hier zu widerlegen; sinnlos, nachzuweisen, dass auch verfettete Arier in neuen gelben Stiefeln sich nicht gern aus dem Umkreis der Bergbahn entfernen und dass junge jüdische Bergsteiger in den Alpen Kletterrekorde aufgestellt haben….“. Das schreibt der Journalist und Hitler-Gegner Konrad Heiden, der 1901 in München geboren wurde und 1966 in New York starb, über die Hitler-Rede, die er wider Willen als Glanzstück populistischer Rhetorik anerkennt: „ Es wäre sinnlos, hier zu widerlegen – denn die Widerlegung wird gehört, vielleicht geglaubt und bestimmt wieder vergessen. Aber das von Hitler mit grellem Meisterstrich gezeichnete Bild – die gelben Stiefel, der Bergbahnhof, die Juden mit den zum Schein umgehängten Rucksäcken und die verschüchterten arischen Kletterer, abseits im zerschlissenen Gewand –, das haftet unauslöschlich. Wer es einmal gehört, vergisst es nie.“