158 - Die Einwohnerwehr

Die Einwohnerwehr

158 - Die Einwohnerwehr

Nach dem Fememord an Maria Sandmayr 1920 wird Ernst Ludwig Fischler von Treuberg als Zeuge befragt. Dieser Gutsbesitzer auf Schloß Holzen ist ein Cousin des Murnauers Ernst Fischler von Treuberg. „In meinem Besitze auf Schloß Holzen befinden sich tatsächlich zwei schwere Geschütze mit Lafetten und Wagen, etwa 100 Infanteriegewehre mit ca. 6 Wagen Munition für die schweren Geschütze. Infanteriemunition besitze ich nicht. Mit Gauhauptmann Fischer habe ich dann vereinbart, daß letzterer etwa 130 Gewehre abholt, was sofort geschehen ist.“ Im Rahmen der Ermittlungen zu dem Mord an Maria Sandmayr wird 1924 auch Hermann Kriebel vernommen, der für die Organisation der Einwohnerwehr zuständig gewesen war. Zu diesem Zeitpunkt befindet sich Kriebel als verurteilter Teilnehmer des Hitler-Putsches im Gefängnis Landsberg am Lech. Bereuen tut er nichts: Er befürwortet den Mord an Maria Sandmayr ebenso wie den an Karl Gareis, der 1921 in München umgebracht worden war. [Es ist bekannt] „dass der feindlichen Entwaffnungskommission sich eine Unzahl freiwilliger Helfer aus entarteten deutschen Kreisen zur Verfügung stellte, die unter Hintansetzung jeder vaterländischen Pflicht und jedes Anstandes offenen Landesverrat betrieben und verborgene Waffen im Besitze der Einwohner-, der Reichswehr und Landespolizei der feindlichen Ententekommission verrieten. Die Erbitterung über diese Schuften [sic] war und ist auch heute noch in weiten Kreisen sehr groß. […] Es ist in Bayern gelungen im Gegensatz zu den anderen deutschen Ländern die Atmosphäre zu reinigen und den Verrat an die Ententekommission auf eine wesentlich niedrige Zahl herabzudrücken. […] Wenn tatsächlich die jungen Leute, deren Namen mir mitgeteilt wurden, zwei solche Schuften [sic] beseitigt haben sollen, so war das eine Tat, die damals 1920 allgemeine Befriedigung hervorgerufen hat, wenn es auch ganz klar ist, dass nach den Buchstaben des Gesetzes anders zu urteilen ist. Ich selbst und mit mir sicher 99% der 300.000 Einwohnerwehrleute haben die Handlungsweise gebilligt und billigen sie heute noch.“ Der Münchner Schriftsteller Lion Feuchtwanger greift den Fall in seinem Buch „Erfolg“ auf. Maria Sandmayr heißt bei ihm Amalia Sandhuber. Das Werk ist ein Schlüsselroman über Politik und Gesellschaft in München und Bayern. Die NSDAP spielt darin natürlich auch eine Rolle. Feuchtwanger verwendet nicht das Wort NSDAP, sondern bezeichnet die Partei ironisch als „Wahrhaft Deutsche“. „Das Dienstmädchen Amalia Sandhuber war auf dem Lande geboren, unweit von München, Tochter eines kleinen Häuslers. […] Das Wort Verräter war beliebt in den Kreisen der Wahrhaft Deutschen. Einer ihrer romantischen Vereinsartikel lautete: Verräter verfallen der Feme. Die Feme war eine Einrichtung des deutschen Mittelalters gewesen, eine Vereinigung, die, ohne viel Wirkung übrigens, die umständliche offizielle Gerichtsbarkeit ersetzen wollte, durch eine raschere, volkstümlichere. Die patriotische Strömung ließ diese Einrichtung neu aufleben: aber umgedeutet nach dem Vorbild gewisser Indianer- und Knabenbücher, verwandelt in eine romantisch unheimliche Institution, die alle diejenigen, die ihr nicht genehm waren, auf den Befehl undeutlicher Vorgesetzter erledigte. Durch diese finstere Gerichtsbarkeit der Wahrhaft Deutschen fanden mehrere hundert Menschen ihr Ende. Irgendwelche nun unter den Patrioten warfen Verdacht auf das Dienstmädchen Amalia Sandhuber, sie sei schuld an den Verrätereien im Hause des Generals. Als gar nach einer Zusammenkunft bei dem General ein heimliches Waffendepot den Behörden denunziert wurde, sodaß die Vertrauensleute der Patrioten bei der Polizei die Waffen kaum mehr rechtzeitig für die Partei retten konnten, verurteilte die Feme die Hausgehilfin Amalia Sandhuber kurzerhand zum Tode.“