130 - Hans Angerer, Der Seismograph weiß nichts über Erdbeben, 2023

Hans Angerer, Der Seismograph weiß nichts über Erdbeben, 2023

130 - Hans Angerer, Der Seismograph weiß nichts über Erdbeben, 2023

Das Klima in Museen unterliegt besonderen Standards. Die Temperatur sollte im Idealfall 20 Grad + / - 2% nicht über- oder unterschreiten, die Luftfeuchtigkeit bei um die 50 %, ebenfalls + / - 2% liegen. Praktischerweise gibt es zur Kontrolle beider Vorgaben ein kombiniertes Registriergerät: den Thermohygrographen. Er misst und zeichnet auf einem auf eine Trommel aufzubringendes Blatt für einen bestimmten Zeitraum beide Werte in Messkurven auf. Ein U-förmig gebogenes Bimetall dient zur Temperaturmessung, zur Feuchtemessung wird ein Haarstreifen eingesetzt. Die Haare sind in einem Spezialverfahren präpariert, wodurch kurze Einstellzeiten für einen großen Temperaturbereich entstehen. Hans Angerer integriert seit etwa 2009 ausgeschnittene Titel- und Schlagzeilen, die das Wort „Kunst“ in sich tragen, in verschiedene Werkzyklen. 2015 entstand aus ihnen z. B. seine nach Hokusai montierte Collage „Die Welle“ sowie die Reihen „Für immer unvollendet“ 2021 und „Kunst ist ein Haus“ 2022. Auch in dieser Arbeit hat er die ausgeschnittenen Zeilen auf das Blatt montiert, das normalerweise die Klimaaufzeichnungen dokumentiert. In der Art eines Grammophons hat Angerer einen Trichter angebracht, als sei der Apparat imstande, die feinen Aufzeichnungen samt dem Ticken der Zeit hörbar herauszutragen. Der Apparat, der ein menschliches Haar zur Wahrnehmung kleinster Klimaschwankungen benutzt, ist zwar in der Lage, die Veränderungen des Klimas zu dokumentieren, beeinflussen kann er das Klima jedoch nicht. Der Mensch, dessen seismographisch agierendes Haar so nah am Gehirn sitzt, erscheint ebenfalls wie der Apparat: Er dokumentiert die Klimaveränderungen, scheint aber ebenfalls eines Eingreifens nicht fähig. Oder doch?