„Du, was meinst du vom Holzschnitt? Interessiert es Dich? Willst Du nicht versuchen? Es ist wirklich was feines." Bereits 1903 drängte Kandinsky Gabriele Münter in einem Brief zu mehr graphischer Arbeit, um die Naturdarstellung im Nebeneinander der Flächen zu erproben. Die Druckgraphik ist im Vergleich zur Malerei sehr viel abstrahierender, da sie aufgrund ihrer Technik hauptsächlich durch Linien und Helligkeitswerte bestimmt wird. Zudem ist das Material, in diesem Fall Linol, sehr viel schwerer zu bearbeiten als eine Leinwand mit dem Pinsel und bietet kaum Korrekturmöglichkeiten. Auch das zwingt zur Konzentration auf das Wesentliche. Gabriele Münter fertigte in der Regel Vorzeichnungen an. Diese boten ihr eine genaue Anleitung für den Schnitt in die Druckplatte. So verwundert es nicht, dass sie in ihrem graphischen Werk schon viel früher abstrahierend arbeitete als in der Malerei, wo sie zu der Zeit noch der nachimpressionistischen Technik verbunden blieb. Der Holzschnitt hatte seit der Entdeckung japanischer Schnitttechnik Mitte des 19. Jahrhunderts eine Renaissance erlebt. Von Paris aus, angeregt durch Félix Vallotton und Paul Gauguin, fand er auch in München schnelle Verbreitung. Diese Entwicklung war Wassily Kandinsky und Gabriele Münter nicht verborgen geblieben. Während eines Frankreichaufenthaltes von 1906 bis 1907 fertigt Gabriele Münter einen Großteil ihres graphischen Werkes an, unter anderem dieses Portrait von ihrem langjährigen Gefährten. Vor einem überwiegend grünen, gänzlich in große, schwarz umrandete Flächen aufgeteilten Hintergrund schaut uns Kandinsky durch seine ovalen Brillengläser direkt an. Ein kleiner Schatten liegt über der rechten Gesichtshälfte, bedingt durch die leicht abgewandte Haltung. Aus dem rechten Mundwinkel blitzt das weiße Mundstück seiner Tabakpfeife hervor. Die leicht verschattete rechte Gesichtshälfte und der weiß leuchtende Stehkragen betonen die besondere Bedeutung des Gesichts. Im Gegensatz dazu steht die flächige Gestaltung von Krawatte, Jacke und Hintergrund. Der Hintergrund, bei anderen Pariser Portraits entweder durch senkrechte Striche oder durch erzählende Szenen gestaltet, ist hier im Ungewissen gehalten. Es ist nicht klar, ob es sich um eine abstrakt aufgelöste Landschaft oder um ein ornamental gestaltetes Wandbild handelt. Ein meisterhaftes Portrait, in dem Gabriele Münter ihre ganze Könnerschaft zeigt!