In dem Holzschnitt Lyrisches aus dem Album Klänge zeigt der Künstler einen gegen die Leserichtung nach links preschenden Jockey auf seinem Pferd. Er löst das Reitermotiv in zeichenhafte Linien und Farbflächen auf, so dass es ganz zum Ausdruck von Kraft und Tempo wird. Dahinter steht der, seiner Malerei zugrunde liegende Gedanke, „durch das Beschränken des Äußeren das Innere stärker herausklingen zu lassen.“ Kandinskys Künstlerbuch "Klänge" erschien Ende 1912 mit 38 selbst verfassten Prosagedichten, 12 farbigen und 44 schwarzweißen Holzschnitten. Dieses herausragende Album des Expressionismus wurde von Kandinsky in allen Bestandteilen bis ins Kleinste durchkomponiert: Von den lyrischen Texten in sorgsam gestaltetem Schriftsatz über die sehr unterschiedlichen Holzschnitte bis hin zu Papier und Einband. Die Gedichte aus den Jahren 1908 bis 1913 thematisieren die Synästhesie von Farben, Klängen und Bewegung. Der Künstler Hans Arp schrieb über Kandinskys Lyrik 1951 voller Bewunderung: „In diesen Gedichten tauchten Wortfolgen und Satzfolgen auf, wie dies bisher in der Dichtung nie gesehen war. Es weht durch diese Gedichte aus ewig Unergründlichem. Es steigen Schatten auf, gewaltig wie sprechende Berge. Sterne aus Schwefel und wildem Mohn blühen an den Lippen des Himmels. ... " Mit dem Zusammenspiel von Bild und Sprache wollte Kandinsky, wie er sagte, "nichts als Klänge, ... ein musikales Album" schaffen. Die Musik finde für ihn am leichtesten den Zugang zu den Gefühlen der Menschen. Deshalb versuche er, in der Malerei Farbklänge zu komponieren, die der Musik entsprächen. Diese sollten, den Tönen ähnlich, Harmonie- oder Dissonanzgefühle erwecken und damit die menschliche Seele unmittelbar berühren. Die Holzschnitte veranschaulichen die künstlerische Entwicklung Kandinskys bis 1912 besonders an einem immer wiederkehrenden Motiv, dem Reiter. Dieser ist, „je nach dem Grade der Abstraktion, lyrisch oder dramatisch, märchenhaft oder chaotisch, konkret-bildhaft oder zeichenhaft-abstrakt." Viele der Entwürfe sind 1911 während eines heißen Sommers entstanden, den Kandinsky allein in Murnau verbrachte. Dabei griff er wiederholt auf Motive von Gemälden, Aquarellen und Hinterglasbildern aus früheren Jahren zurück. Ganz anders die Holzschnitte „Berge“ oder „Allerheiligen“, beide von 1911. Die „Berge“ sind märchenhaft und verspielt und verweisen auf Kandinskys frühe Bilder. Das Allerheiligenbild ist dagegen Teil einer ganzen Reihe von Werken in unterschiedlicher Technik, die sich intensiv mit der christlichen Heilsgeschichte befassen. Mit einer an Abstraktion grenzenden Verschleierung des Gegenständlichen übersetzt Kandinsky den Erlösungsgedanken in eine Bildsprache. Das Visionäre dieser Werke zeigt sich auch in den gezielt eingesetzten weißen Flächen, denn Weiß, so Kandinsky, ist „wie ein Symbol einer Welt, wo alle Farben, als materielle Eigenschaften und Substanzen, verschwunden sind.“. Ein Symbol also für eine durchgeistigte Weltsicht, die der Künstler mit seiner Malerei darzustellen versuchte.