071 - Wassily Kandinsky, Studie für Murnau mit Kirche II, 1910

Wassily Kandinsky, Studie für Murnau mit Kirche II, 1910

071 - Wassily Kandinsky, Studie für Murnau mit Kirche II, 1910

Idyllische Abgeschiedenheit auf dem Land. Ohne Ablenkung. Ohne ständige Impulse von außen. Das zieht die Maler Wassily Kandinsky, seine Lebenspartnerin Gabriele Münter sowie ihre Künstlerfreunde Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky magisch an. Hier in Murnau, fern vom Münchner Kunstbetrieb, können sie in Ruhe arbeiten. Hier kommt auch der künstlerische Fortschritt. Alle vier Künstler finden eigene, neue Ausdrucksmittel. Es scheint, als braucht es dafür die Aufenthalte genau hier und genau zu dieser Zeit. Zwischen 1908 und 1914 fertigt zum Beispiel Wassily Kandinsky viele Ansichten von Murnau an. In dieser Arbeit drückt sich eine fortschreitende Abstrahierung aus. Das beginnt schon bei seinem ersten Besuch in Murnau. Auf einem kleinen Karton skizziert Kandinsky den Blick aus dem Fenster seines Hotels „Griesbräu“. Dabei löst der Maler die Sicht über den Ort in einzelne Farbflecken auf. Der deutsche Kunsthistoriker und Kunstkritiker Will Grohmann beschreibt es so: „Kandinsky ist noch nicht beim Bild ohne Gegenstand angelangt. Aber die Gegenstände verlieren in Murnau ihre Vordringlichkeit… […] Bei den Murnau-Bildern mit Kirche von 1910 geraten Architektur und Landschaft in Bewegung.“ Zu den „in Bewegung geratenen Bildern“ zählt auch die hier gezeigte „Studie für Murnau mit Kirche II“ von 1910, die Vorfassung einer großen Version. Es ist der Blick vom Münter-Haus an der Kottmüller-Allee zurück auf den Ort. Rechts im Bild steht die Sankt Nikolauskirche mit ihrem charakteristischen Turm. Daneben liegt die damals gerade neu gebaute Mädchenschule. Ihre rote Dachziegel leuchten frisch heraus. Links ist die Murnauer Burg zu sehen mit ihren versetzten Giebeln, die Kandinsky schlicht als „M“ auflöst. Einfache Häuser säumen Wiesen und Berghänge. Die dunklen Berge im Hintergrund wirken wie riesige Wogen, die den Ort durcheinanderschütteln. Die Grabsteine rechts der Kirche werfen ihre Schatten nach hinten. Es ist Abend in Murnau. Wassily Kandinsky und Gabriele Münter wohnen seit Sommer 1909 im Haus an der Kottmüller-Allee. Anfangs haben sie es nur für die Sommerfrische gemietet. Kandinsky rät zum Kauf und im August erwirbt Münter das Haus. „[…] mein Haus, das du um jeden Preis für uns’re alten Tage haben mußtest.“ So wirft Münter es ihm noch im Juni 1922 vor, sechs Jahre nach ihrer Trennung. Zwei Tage nach Kriegsausbruch 1914 reist Kandinsky von der Schweiz aus allein nach Russland. Gabriele Münter fährt 1915 ins neutrale Skandinavien. Sie hofft auf ein Wiedersehen. Anlässlich einer Ausstellung findet das auch tatsächlich statt. Doch Kandinsky kehrt nach Russland zurück. Schließlich bricht er den Kontakt ab. Erst 1931 kehrt Gabriele Münter nach Murnau zurück, wo sie bis zu ihrem Tod 1962 lebt. Die hier gezeigte „Studie für Murnau II“ ist eine Vorfassung einer größeren Version. Diese befand sich zunächst im Van-Abbe-Museum im niederländischen Eindhoven. Im Frühjahr 2023 wurde das Bild restituiert und versteigert.