064 - Der Architekt Emanuel von Seidl

Der Architekt Emanuel von Seidl

064 - Der Architekt Emanuel von Seidl

„Zu beiden Seiten der Straße meist nüchterne Häuser, überwiegend aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, jene traurigen Vorstadttypen mit glatten Fronten ohne Silhouetten und Dachvorsprünge, eintönig, schmutzfarbig, aber städtisch anmutende Häuser, um die man die alte, ehrliche, heimatstolze Bauweise frivol geopfert hat", so beschrieb Julius Groeschel zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Unter- und Obermarkt Murnaus. Dieser etwas biedere Eindruck verschwand gänzlich durch die Bestrebungen der „Ortsverschönerungskommission", die unter der Leitung eines der beliebtesten Architekten Münchens, Emanuel von Seidl, den Ort in einen "schmucken Markt" verwandelte. Unter Mithilfe seiner Münchner Freunde wurden zwischen 1906 und 1911 Häuserfronten bemalt, Ständeschilder – die charakteristischen Gewerbeembleme – ausgehängt, ornamental gegliedertes Pflaster verlegt, Bänke aufgestellt, Baumbepflanzung und Blumenschmuck arrangiert und Brunnen errichtet. Die ganze Hauptstraße sollte in ein harmonisches Ensemble verwandelt werden und ein malerisch-rhythmisches Gesamtbild ergeben, ähnlich wie es der Bruder Emanuels, Gabriel von Seidl, im nahe gelegenen Bad Tölz bereits vorexerziert hatte. Der Erfolg stellte sich bald ein: es gab ein positives Presseecho und freundliche Erwähnungen in der damaligen Reiseführern; immer mehr Städter kamen nach Murnau, um hier den Sommer zu verbringen. Emanuel von Seidl selbst hatte schon 1901 auf einem Grundstück am Südhang des Ortes eine Villa errichtet und einen Park angelegt, den heutigen „Seidlpark“. Begeistert von der einzigartigen Lage schrieb er 1910 in seinem Buch „Mein Landhaus“: „Ein malerisches Dorf bildet einen reizenden Vordergrund, während eine Kette von Bergen, die sich immer weiter kulissenförmig bis zum Wettersteingebirge in wundervoller Gruppierung vertiefen, das ganze Bild abrunden." Murnau war für ihn ein willkommener Zufluchtsort und den erworbenen Grund nannte er sein "gelobtes Land"! Auch seine gesellschaftlichen Aktivitäten dehnte er nach Murnau aus. Er engagierte sich bei örtlichen Vereinen und unterstützte deren Veranstaltungen, lud aber auch zu eigenen Konzerten, Theateraufführungen und rauschenden Festen. Olaf Gulbransson, Julius Dietz und Franz von Stuck waren bei ihm zu Gast. In aller Munde war 1910 der von Max Reinhardt eigens für den Park inszenierte "Sommernachtstraum" von William Shakespeare. Der junge Friedrich Wilhelm Plumpe war einer der für die Aufführung engagierten Schauspieler. Ihn beeindruckte der Besuch im Ort so sehr, dass er sich später in "Murnau" umbenannte. Unter diesem Namen kennt ihn als Stummfilmregisseur die ganze Welt. Zu seinen bekanntesten Filmen zählen "Der letzte Mann" und "Nosferatu - Eine Symphonie des Grauens".