Das ungewöhnlich großformatige Werk zeigt eine nächtliche, vom Mondlicht beschienene Ansicht des Ortes Klausen in Südtirol. Die dunkle Komposition, aus der sich erst bei längerer Betrachtung allmählich Farben entwickeln, besticht durch den Rhythmus der geometrischen Formen und ihrer dem Licht zu- und abgewandten Flächen. Ein warmer Rotton zieht sich diagonal von links nach rechts, von einem Haus über einen Turm zum Kirchdach hoch und lenkt die Aufmerksamkeit dabei auch auf Blau- und Grüntöne in der unteren Bildzone. Kanoldts Auseinandersetzung mit dem französischen Kubismus wird in diesem Bild anschaulich. Er konzentrierte sich ganz auf die reine Form, ließ störende Details weg und schnitt dabei selbst den charakteristischen Kirchturm zu Gunsten einer ausgewogenen Gesamtwirkung nach oben hin ab. Kanoldts Stil weist hier bereits stark auf die späteren Jahre hin, in denen er sich auf sachlich gehaltene Stillleben und Landschaftsbilder in kühlen Farbtönen konzentrierte. Kanoldt war Gründungsmitglied der „Neuen Künstlervereinigung München“ (N.K.V.M.) und ein bedeutender Vertreter des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. Er pflegte engen künstlerischen Austausch u. a. mit Alexej von Jawlensky und Adolf Erbslöh. Mit letzterem verband ihn nicht nur eine enge Freundschaft, sondern auch die Leidenschaft für das Wandern, das sie oft nach Südtirol führte. Das Gemälde, zu dem eine Vorzeichnung in einem Skizzenbuch existiert, war bereits 1912 erstmalig von der Neuen Künstlervereinigung München publiziert und abgebildet worden. Lange Zeit galt es als verschollen und tauchte erst 2018 wieder auf.