005 - Wassily Kandinsky, Kochel – Blick auf das Gebirge, 1902

Wassily Kandinsky, Kochel – Blick auf das Gebirge, 1902

005 - Wassily Kandinsky, Kochel – Blick auf das Gebirge, 1902

Um dem etablierten und akademisch orientierten Kunstbetrieb in München zu entgehen, gründete Wassily Kandinsky mit dem Bildhauer Wilhelm Hüsgen und anderen 1901 den Künstlerverein „Phalanx“ - mit angeschlossener Malschule. Hier schrieben sich vorwiegend Frauen ein, da ihnen das Studium an der „Akademie der Bildenden Künste“ damals noch verwehrt war. Mit seinen Malklassen verbrachte Kandinsky die Sommermonaten zu Studienaufenthalten auf dem Land. 1902 in Kochel war Gabriele Münter ebenfalls mit von der Partie. Die beiden kamen sich auf Spaziergängen und bei Fahrradtouren so nah, dass es im Folgejahr zu der von ihnen sogenannten „Gewissensehe“ kam, obwohl Kandinsky damals noch mit seiner ersten Frau Anja verheiratet war. Münter ahnte die Gefahr dieser heimlichen Beziehung und versuchte zu Beginn noch Distanz zu wahren: „Ich Schneegans – da bin ich in Kochel mit ihm per Arm spazieren gegangen und habe nicht geahnt, wie es kommen würde - aber wer konnte es auch denken?!“ dokumentierte sie zu Beginn der Liaison im Herbst 1902 ihr Dilemma. In spätimpressionistischer Manier malten die Künstler in Kochel Freilichtbilder, in denen man die Farb- und Lichtwerte einzufangen versuchte. Dabei wurde die Farbe oft dick und ungemischt mit dem Spachtel aufgetragen, zumeist auf Malpappe, die im Gegensatz zur Leinwand leicht zu transportieren war. Auch Kandinskys kleine Ölstudie „Blick auf das Gebirge“, die 1902 in Kochel entstand, versucht die Atmosphäre eines besonderen Augenblicks wiederzugeben. Während die Ebene im Vordergrund hellgelb im Sonnenlicht erstrahlt, verdunkelt sich der Himmel über den blauschwarzen Bergen, als sei ein Gewitter im Anzug. Vereinzelt leuchten rote Dächer hinter einer ebenfalls blauschwarz verschatteten Baumreihe im Mittelgrund hervor. Der pastose Farbauftrag formt die Beschaffenheit der Landschaft mit und wird dadurch zum eigenständigen Gestaltungselement. Kandinsky vermittelte auch seinen Schülern eine solche Malweise. Noch aus Kochel schrieb er im gleichen Jahr an Gabriele Münter: „Liebes Fräulein Münter, Ich danke Ihnen sehr für Ihren netten Brief, der mir wirklich viel Freude gemacht hat […] Daß Sie so viel Erfolg und Freude mit dem Spachtel haben, ist mir sehr und nochmals sehr angenehm. Ich habe ja immer gemeint, dass die faule Münter mal was gutes macht. Sie muß nur so a bisl Geduld haben.“