004 - Gabriele Münter, Kandinsky und Erma Bossi am Tisch, 1909/10

Gabriele Münter, Kandinsky und Erma Bossi am Tisch, 1909/10

004 - Gabriele Münter, Kandinsky und Erma Bossi am Tisch, 1909/10

In den frühen Murnauer Jahren von 1908 bis 1914 versucht Gabriele Münter, ihre Landschaften in eine Darstellung des Wesentlichen, des Gefühlten zu übertragen. Auch Bilder von Menschen oder vermeintlich belanglosen Ereignissen werden auf ein Extrakt reduziert und gewinnen dabei an Aussagekraft. Das Gemälde „Kandinsky und Erma Bossi am Tisch“ wird 1909 und 1910 nach einer spontanen Bleistiftsskizze ausgearbeitet, die ein Tischgespräch zwischen Kandinsky und der befreundeten Malerin Erma Bossi festhielt. Erma Bossi war ebenfalls Mitglied der „Neuen Künstlervereinigung München“ und hatte Murnau bereits 1908 während eines Sommeraufenthaltes besucht. Die beiden Künstler sitzen in der getäfelten Essecke des Münter-Hauses an einem weiß eingedeckten Tisch. Die überlängt dargestellte Hand hält Kandinsky dozierend erhoben. Der meist elegant gekleidete Maler trägt hier eine leuchtend blaue Jacke, wohl eine Lederhose, grüne Wadenwärmer und Sandalen. Das Gesicht ist auf den Bart und blau spiegelnde Brillengläser reduziert. Die zuhörende Künstlerkollegin hat dagegen keine Farbe abbekommen: das Grau des Rockes fügt sich in die dunkle Täfelung, Schürze und Bluse gleichen dem Weiß der Tischdecke. Erma Bossi hat den Kopf soweit abgewandt, dass von ihrem Gesicht nur noch ein verlorenes Profil zu erkennen ist. Das gespannte Zuhören bestimmt ihre ganze Körperhaltung. Hervorgehoben wird die Szene durch die dunkle, überhöht dargestellte Täfelung, wirkungsvoll umrahmt von der gelben Wand und dem roten Boden. Alles in diesem Bild scheint sich auf Kandinsky und dessen dozierende Geste zu konzentrieren und mit einfachen Mitteln und leichter Ironie dessen Wesen zum Ausdruck zu bringen, wie es auch von August Mackes Frau Elisabeth im Rückblick beschrieben wird: „Kandinsky selbst war ein merkwürdig fremder Typ, ungemein anregend für alle Künstler, die in seinen Bann gerieten, er hatte etwas Mystisches, Phantastisches an sich, gepaart mit seltsamen Pathos und einem Hang zur Dogmatik. Seine Kunst war eine Lehre, eine Weltanschauung.“ Mit wenigen Pinselstrichen umreißt Münter zudem die gewollt schlichte Ausstattung des Landhauses mit seinen volkstümlichen Sammelstücken. Sie zeigt damit auch die die Freude am Landleben und Rückbesinnung auf das Einfache, Ursprüngliche, die sie und Kandinsky in Murnau nicht nur in der Kunst anstrebten, sondern auch im Alltag. Dem entspricht auch Kandinskys farbenfrohe ländliche Tracht, in der er sich in Murnau oft zeigte und die er auch bei Gartenarbeiten trug.