152 - Sommerfrischler

Sommerfrischler

152 - Sommerfrischler

Wegen der leichten Erreichbarkeit Murnaus mit der Bahn ziehen Anfangs des 20. Jahrhunderts auch Stadtbewohner hierher, die Villen und Landhäuser erbauen. Dazu gehört auch die jüdische Familie Rosenthal, die 1933 emigrieren muss. Der 1918 geborene Sohn Joseph, der unter dem Namen Rovan zu einem der wichtigsten deutsch-französischen Historiker werden wird, erinnert sich sehnsuchtsvoll an den Ort seiner Kindheit: „Meine Eltern schätzten die Ruhe im oberbayerischen Voralpenland genauso sehr wie die Herzlichkeit der Menschen. Zusammen mit Tante Lise kauften sie ein großes Grundstück auf der Zunge der Moränenhügel, die das Seebecken von einer weiten sumpfigen Ebene trennt, die sich bis zum ersten Alpenkamm erstreckt, dessen Gipfel nicht höher als 1800 bis 1900 Meter reichen. In südliche Richtung zieht sich diese immer schmaler werdende Ebene bis zur nächsten, höheren Bergkette hin, deren höchster Gipfel die gleich oberhalb des berühmten Wintersportortes Garmisch-Partenkirchen gelegene Zugspitze ist. Der Ausblick von unserem Grundstück war außergewöhnlich schön und weit. Als meine Eltern ihr Haus 1923 hatten bauen lassen, konnte man von unserem Badezimmer im ersten Stockwerk aus mit einem einzigen Blick den gesamten mittleren Teil der bayerischen Alpen und die weite Ebene des vorgelagerten Murnauer Mooses erfassen, in dem es keine Straßen gab und das nur von einigen wenigen Fußwegen durchzogen wurde, die den Bauern dazu dienten, das fette Gras des Mooses zu schneiden - und zu jagen, wenn sie einen Jagdschein besaßen, der in Deutschland eher selten ausgestellt wurde. […] Murnau ist der erste Ort meiner Kindheit, an den ich mich erinnere: die lange, von buntgestrichenen Häusern gesäumte Hauptstraße, die etliche Meter oberhalb der Stadt errichtete barocke Kirche und die vielen Aussichtspunkte auf das Land und die Berge.“