159 - Brennpunkt der völkischen Bewegung / Bund Oberland

Brennpunkt der völkischen Bewegung / Bund Oberland

159 - Brennpunkt der völkischen Bewegung / Bund Oberland

Murnau entwickelt sich in den 1920er Jahren zu einem Brennpunkt der völkischen und nationalsozialistischen Szene. Nicht nur in München, sondern in Murnau selbst kommt es zu Putschhandlungen, bei denen Sympathisanten Hitlers versuchen, vor Ort die Macht an sich zu reißen. Im Rahmen des Hitler-Putschs ist dies der einzige zeitgenössisch belegte Umsturzversuch außerhalb Münchens. Der Regierungspräsident von Oberbayern berichtet im November 1923: „In Murnau wurde dem Kommandoführer [der Polizei] über das unglaubliche Verhalten des dortigen Nationalsozialistenführers, Hauptmann a.D. Gobsch, Mitteilung gemacht. Die Hauptereignisse dieses Falles am 9.11. vormittags sind folgende: Hauptmann Gobsch kam am 9.11. vormittags in Uniform (Ordensschnalle, Feldbinde und Pistole) auf die Gendarmeriestation und forderte die Herausgabe eines bei der Gendarmerie aufbewahrten Maschinengewehrs. Wenn die Herausgabe des MG verweigert werde, werde er den Stationskommandanten hängen lassen. Er, Gobsch, habe in Murnau allein die Befehlsgewalt. Das an Gobsch ausgelieferte MG wurde von der Gendarmerie am gleichen Tage wieder beigebracht. Später ließ Hauptmann Gobsch dem Bürgermeister sagen, er werde ihm einen Doppelposten vor die Türe stellen. Diese Drohung wurde jedoch nicht ausgeführt, wahrscheinlich, weil der Herr Bürgermeister versicherte, er werde jeden die Treppe hinunterwerfen.“ Nach dem Ersten Weltkrieg muss Österreich als unterlegener Staat Südtirol an Italien abtreten. Der italienische Diktator Benito Mussolini verfolgt seit 1922 eine Italianisierungspolitik in dem ehemals zum Habsburger-Reich gehörigen Gebiet. Das erregt viele Gemüter in Deutschland. Auch der Murnauer Staffelsee-Bote bezieht Position: „Reiset nicht nach Italien! Kauft keine italienischen Südfrüchte, keine italienischen Automobile und andere Fabrikate, solange das deutsche Südtirol geknechtet wird.“ […] „Also Bann auf alles, was italienisch ist, Volk, Land und Ware, unerbittlich, rücksichtslos, nur so kann der Wälsche in seine Schranken zurückgewiesen werden.“ Als Symbol des Widerstands gegen Italien gilt der 1767 geborene Tiroler Andreas Hofer, der 1810 unter napoleonischer Herrschaft hingerichtet worden war. Auch in Murnau gibt es den Andreas-Hofer-Bund, der sich gegen die Italianisierung Südtirols wendet: „Wir aber wollen die Treue, die wir ihm und seinen Landsleuten schulden, die heute in welschen Banden so unbeschreibliche Seelennot erdulden, dadurch bewähren, dass wir […] beraten, wie dieser Not abzuhelfen und dem im ganzen Reiche gegen italienisches Land und Gut aufflammenden Bann Nachdruck zu verleihen sei.“